Jahresrückblick: Ein gutes Jahr mehr oder länger leben?

Pünktlich zur Weihnachtszeit hagelte es Verhaltenstipps zu den Feiertagen wie man den vielen Leckereien widersteht und ungeliebten Pfunden zu Leibe rücken sollte. Doch was macht ein gutes gesundes Leben überhaupt aus? Zum Jahresende zieht Prof. Joachim Fischer, der Projektleiter von „Ein gutes Jahr mehr“, ein persönliches Resümee.

Wer möchte nicht gerne gesund alt werden? Und wer möchte nicht Freude haben? Mal auf dem Sofa hängen und nur zwischen Bayern und Hoffenheim hin und her zappen, statt Liegestütze und 10.000 Schritte. Oder wenn es draußen kälter wird, auf dem Weihnachtsmarkt ein schönes Winzer-Steak mit braun-schwarz knuspriger Kruste vom Schwenkgrill essen. Dazu auch einen Becher Glühwein, weil die Lichterdekoration so schön ist. Und einen zweiten, weil der Chef einen heute wieder wirklich genervt hat mit seiner Nörgerlei, obwohl man sich so reingehängt hatte.

In der kalten Jahreszeit lockt das heimische Sofa

Nein, sagt die Fitness-App, dein Gesundheitscore ist schon wieder um 10 Punkte abgestürzt. Und die schwarze Kruste sei doch krebserregend, das Fett am Steak mache nur den Bauchansatz noch dicker. Im Job also ein Versager, beim Fitness auch. Zum Glück sehen es die Freunde und die Partnerin gnädiger.

Wo sind wir hingekommen mit dieser Fixierung auf das Minimieren von Risiken, um den Tod noch ein bisschen hinauszuschieben und dem Wahn, dafür bestimmte Fitness-Ziele zu erreichen. Soll an unserer irgendwann sicheren Trauerfeier der Nachruf davon erzählen, dass es uns gelang möglichst viele Lebenstage anzuhäufen, oder eher davon, was wir an Gutem in der Welt hinterlassen haben? Arnold Schwarzenegger hat auf die Frage geantwortet, warum er sich heute für Klimaschutz einsetzt und warum er Gouverneur wurde, statt in der gleichen Zeit als Filmschauspieler Dutzende von Millionen zu verdienen: „mit dem Alter wurde ich erwachsener.“

Vielleicht hat das Erwachsen-Werden und das Näherrücken des eigenen Lebensendes verbunden mit dem Blick aus meinem Büro auf den Mannheimer Friedhof angetrieben zu hinterfragen, was wir denn da eigentlich machen als Fachleute für gesundes Leben:

Welchen Beitrag leistet die Wissenschaft zur Lebensfreude?

Wir schreiben wissenschaftliche Artikel in englischsprachigen Fachzeitschriften, die kein normaler Mensch liest oder versteht, entwickeln Achtsamkeits- und Entspannungstrainings für von ihren Chefs zusammengestauchte Beschäftigte. Oder wir sonnen uns in unserem wissenschaftlichen Ruhm, indem wir noch eine Variante im Erbgut finden, die Krebs oder Demenz begünstigt. Wir verschweigen aber, dass für einen Krebsfall mehr wahrscheinlich irgendwo zwischen 100.000 bis 1 Million schwarz-braune Steaks verzehrt werden müssen.

Was aber wäre, wenn es vor allem erst einmal darauf ankäme, die Lebensfreude zu mehren? Nicht Spass, nein, tief erlebte Freude. So etwa wie die Freude eines Kleinkindes, das zum ersten Mal schafft, das Klettergerüst hinaufzusteigen oder einen großen Turm aus Bauklötzen zu schichten. Was, wenn wir eine gnädigere Fitness-App hätten, die gütiger bei uns bleibt, wissend, dass kein normaler Mensch an 365 Tagen im Jahr Liegestütze schafft? Was wäre, wenn wir Programme entwickeln, die dort ansetzen, wo sich Menschen ohnehin zusammenfinden und die gleich eine Verbesserung bringen, gepaart mit Freude oder Chance auf Gelingen? So entstand die Idee zu „Ein gutes Jahr mehr“ und damit nicht wieder nur auf jeden Einzelnen zuzugehen, sondern die Kraft existierender Verhältnisse und Beziehungen in einer Gemeinde, einem Quartier, einem Betrieb oder etwa einer Schule zu nutzen.

Gemeinschaft als Medizin für Körper und Seele

Dass das „Wir“ dabei bedeutsam ist, ist wissenschaftlich gesehen nichts besonders Neues: David Spiegel veröffentlichte vor mehr als 25 Jahren eine Arbeit, die zeigte, dass brustkrebskranke Frauen, die an einer Selbsthilfe-Gruppe mit liebevollem Umgang teilnahmen, länger lebten. Dean Ornish weiss, dass der wirksame Anteil seines Lebensveränderungsprogramms, dass sogar Arteriosklerose bessert nicht die Diät allein ist, sondern vor allem der liebevollere Umgang mit sich selbst und anderen. Julianne Holt-Lunstad zeigte, dass Einsamkeit tödlicher ist als Übergewicht. Und Nicholas Christakis wies nach, dass sich nicht nur das dicker Werden sondern auch die Lebensfreude entlang realer existierender Freundschaften wie eine Infektion verbreitet. Unsere eigenen Daten zeigen seit 25 Jahren zeigen unsere Daten, dass Wertschätzung, Erleben von Freude und Sinnhaftigkeit bei der Arbeit mehr zur Gesundheit beitragen, als alle Gesundheitsförderprogramme zusammen. Und wir wissen, dass alle Kinder besser lernen, würden wir hellere Lampen in die Klassenzimmer schrauben, als das aktuelle auf das Energiesparen optimierte Schummerlicht.

Seit meinem inneren Aufruhr, das Paradigma vom „Tod Hinauszögern“ durch „mehr Freude am Leben“ abzulösen, sind drei Jahre vergangen. Es gibt Apps, die einen freundlicher und gelassener auf dem Weg zu mehr Bewegung begleiten. Im tiefsten Bayern ist es BMW gelungen, dass Essverhalten in der Kantine von Schweinshaxe mit Pommes zu gesünderen Mahlzeiten zu verschieben, ohne dass alle zum Döner rennen oder sich vor Verzweiflung und Hunger in die Isar stürzen.

In Deutschland machen sich immer mehr Kommunen auf den Weg, das Wir gemeinsam voranzubringen, für ein gutes Jahr mehr, gleich ab 2019. Und eines ist sicher: aus vielen kleinen guten Jahren mehr kommen am Ende als unvermeidbare Nebenwirkung auch ein oder mehrere Jahre mehr Lebenserwartung heraus. Nur sollten wir dann einmal wieder über das Wort Liebe nachdenken, jenseits von Sex, und darüber was es heißt, die Welt etwas liebevoller zu machen. Damit schließlich kann jeder sofort anfangen, heute noch. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen und den Menschen um Sie herum für 2019 ein gutes Jahr mehr.

Zum Nachlesen:

Spiegel, D., Bloom, J.R. & Yalom, I. (1981). Group Support for Patients with Metastatic Cancer. A Randomized Prospective Outcome Study. Archives of General Psychiatry, 38(5), 527-533. 

Ornish, D. (1995). Dr. Dean Ornish´s Program for Reversing Heart Disease: The Only System Scientifically Proven to Reverse Heart Disease Without Drugs or Surgery. New York: Ballantine Books.

Homepage: https://www.ornish.com/undo-it/

Holt-Lunstadt, J., Smith, T.B., Baker, M., Harris, T. & Stephenson, D. (2015). Loneliness and Social Isolation as Risk Factors for Mortality: A Meta-Analytic Review. Perspectives on Psychological Science, 10(2), 227-237.

TED-Talk mit Prof. Nicholas Christakis "The hidden influence of social networks": https://www.ted.com/talks/nicholas_christakis_the_hidden_influence_of_social_networks
Verwendetes Bildmaterial © Pixabay

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