Düsteres Novemberwetter auf der Arbeit

Warum das Betriebsklima wichtig für die betriebliche Gesundheitsförderung ist

Viele Beschäftigte können in ihren Unternehmen eine Fülle von verschiedenen Aktivitäten des Betrieblichen Gesundheitsmanagements in Anspruch nehmen, aber der Krankenstand der Belegschaft sinkt trotzdem nicht. Mit einem persönlichen Einblick in seine Zeit als Intensivmediziner in einem Züricher Kinderspital schildert Prof. Joachim Fischer wie sich das Betriebsklima als essentieller Faktor in seiner Forschung der Arbeitsgesundheit erwies.

Die Station ist brechend voll, die Pflegekräfte am Anschlag und zwei Mitarbeiterinnen melden sich krank. Wie soll die Arbeit verteilt werden? Wer deckt nun die Nachtschicht ab? Wer hat Zeit für die im Sterben liegende einsame Dame?

Als Oberarzt auf der Intensivstation der Kinderklinik Zürich vor mehr als 20 Jahren kannte ich so etwas nicht. Wir hatten immer genug Personal. Kaum meldete sich jemand krank. Der Chefarzt verlangte, dass der zuständige Oberarzt beim Sterben des Kindes persönlich dabei ist – und eben eine Kollegin auf der Station solange die Alltagsarbeit vertritt. Ich kann mich nicht erinnern, mich einen Tag nicht morgens auf die Arbeit gefreut zu haben. Und ich war in sechs Jahren vielleicht zwei Tage krank. Dann wechselte der Chef. Innerhalb von sechs Monaten suchte ich mir eine neue Stelle. Es war, als hätte sich ein düsterer dunkelgrauer Nebel über die Arbeit gelegt, genauer über mein Verhältnis zur Arbeit. Ich hatte begonnen über Stress bei der Arbeit zu forschen, nun kam dazu die Frage, was macht den Unterschied zwischen einer sommerlichen Betriebsklima-Temperatur und düsterem November-Wetter. Und was hat das mit dem biologischen Altern und Krank-Werden zu tun.

Wenn das Betriebsklima so ungemütlich wie das Novemberwetter ist

In diesem kurzen Beitrag versuche ich, 20 Jahre Forschung und Praxis aus meiner heutigen Sicht verständlich zusammenzufassen. Dabei ist wichtig: ich sehe es heute so, musste über die Jahre schon mehrfach aufgrund neuer Daten meine Ansichten korrigieren. Daher, was Sie jetzt lesen, ist mein aktuell bestmöglicher Wissenstand, es kann durchaus in ein paar Jahren überholt sein.

Unterschiedliche Krankenstände zwischen Abteilungen

Zurück zur Pflegestation. Warum unterscheiden sich zwischen Einrichtungen die Fehlzeiten, ja sogar zwischen Abteilungen? Warum unterscheidet sich zwischen Einrichtungen das Ergebnis, die Qualität am Patienten? Treten in der Einrichtung mit den höheren Fehlzeiten ganz gezielt im Grundsatz kränkere Kräfte die Stelle an? Oder ist es so, dass die beiden aus dem Beispiel oben sich nur aus Frust einen verlängerten Urlaub auf gelben Schein nehmen, ohne Rücksicht auf die anderen, die zur Arbeit erscheinen? Schließlich hat ja bis zu 42 Tage Abwesenheit weder der krankschreibende Arzt, noch die erkrankte Person in Deutschland einen Nachteil, sondern nur der Arbeitgeber und allenfalls noch die übrigen Kolleginnen oder die Patienten. In Industrieunternehmen sind diese Unterschiede im Krankenstand sogar noch krasser. Und da leiden keine Patienten, sondern allenfalls die Produktionsziele.

Was läuft falsch bei der betrieblichen Gesundheitsförderung?

Um den hohen Krankenständen entgegenzuwirken haben viele große Unternehmen eine beeindruckende Maßnahmenvielfalt an betrieblicher Gesundheitsförderung aufgebaut. Wir haben einmal ein Unternehmen untersucht, das 125 Maßnahmen aufführte. Vom Yoga-Kurs über die Fernreise-Impfberatung über Weight-Watchers®, zur Fitness-Mittagspause und Rauchentwöhnung. Trotz allem sagte die aktuelle Konjunkturlage die Fehlzeiten besser voraus als die Teilnahmequote an diesen Maßnahmen. Was läuft also falsch bei der betrieblichen Gesundheitsförderung und warum ist bisher betriebliches Gesundheitsmanagement so wenig erfolgreich? Erst vor einigen Monaten ist bei mir der Groschen gefallen, als ich Langzeitdaten aus einem großen Industrieunternehmen mit neuen statistischen Methoden untersuchte und dabei auf den sich bildenden Nebel im Neckartal bei Heidelberg schaute.

Negatives Betriebsklima macht krank

Ist es nicht so, dass wir mit spätestens über 40 alle keinen so ganz gesunden Rücken mehr haben. Würde man uns alle in die Röhre schieben, so hätten die Hälfte degenerative Veränderungen an den Bandscheiben und Knochen, die jederzeit ausreichen könnten, Rückenschmerz zu erklären. Und ist es nicht so, dass jeder von uns auch die trüben Tage kennt, an denen sich die Seele anfühlt als sei es November mit tiefliegendem Grau?

Prädispositionen für Erkankungen hat jeder – aber ab wann machen sie krank?

Was ist nun, wenn diese Prädisposition auf ein Betriebsklima trifft, wie ich es in Zürich unter dem alten Chef erleben durfte? Wenn man gerne zur Arbeit kommt und schon das Lächeln beim Morgenkaffee einen wieder aufstellt? Und wie ist es, wenn man stattdessen auf dem Weg zur Arbeit fürchten muss, schon wieder angeranzt zu werden für ich weiß nicht was, die Arbeit unfair verteilt wird und die Chefs sich einen Deut darum scheren, ob es überhaupt genügend qualifiziertes Personal hat? Wir wissen aus der Forschung, dass dann über neurobiologisch vermittelnde Mechanismen die Wahrscheinlichkeit steigt, dass aus der Prädisposition schmerzhafter Rücken wird, oder aus der trüben Seelenlage eine ausgewachsene Depression.

Individuelle Krankheitsausfälle lassen sich schwer vorhersagen

„Klick“ machte es, als wir endlich aufhörten, für Einzelpersonen Vorhersagen treffen zu wollen. Denn das gelang mit allen statistischen Kunstgriffen nicht. Wenn wir aber stattdessen versuchten, die Krankenstände ganzer Arbeitsgruppen vorherzusagen, dann waren die Prognosen so zutreffend wie heutzutage die Wetterberichte für die nächsten 24 Stunden. Die Lösung für dieses Paradox gab der Herbstnebel: Keiner kann vorhersagen, welches Wasserteilchen, das eben noch gasförmig (= gesund) war, bei abnehmender Temperatur (= schlechter werdendem Betriebsklima) in den flüssigen Zustand (= krank) fällt und damit zum Nebel (= Krankenstand) beiträgt. Und so wenig Gesundheitsförderung für Wasserteilchen den Nebel verhindert, so fruchtlos bleiben die Bemühungen der individuellen Gesundheitsförderung, wenn wir nicht gleichzeitig die Verhältnisse fördern, d.h. die Betriebsklimatemperatur. Nur dann wird betriebliches Gesundheitsmanagement Wirkung entfalten.

Der Artikel wurde erstmalig im Nachrichtenmagazin des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Baden-Württemberg publiziert (PARITÄTinform 03/2018).
Verwendetes Bildmaterial © Pixabay

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