Der Roseto-Effekt

Gemeinschaft als Gesundheitsressource

Viel Bewegung, gesunde Ernährung, kein Alkohol, keine Zigaretten – das sind die wohl am häufigsten genannten Faktoren, die ein gesundes und langes Leben bestimmen. Mit dem kommunalen Gesundheitsprojekt „Ein gutes Jahr mehr“ verbanden viele Menschen in unser Pilotkommune anfangs sowohl die Hoffnung als auch Skepsis, dass sich dieses „gute Jahr mehr“ per Rezept verschreiben ließe. Eine wichtige und wahrscheinlich von vielen unterschätzte „Medizin“, die ganz ohne Tabletten gesund hält, ist jedoch das soziale Miteinander in einer Gemeinde. Diese ist auch der Dreh- und Angelpunkt unserer kommunalen Gesundheitsstrategie.

Ein Beitrag von Marina Wenzl über ein Forschungsphänomen, das aufzeigt, dass Gesundheit und Lebensfreude in Gemeinschaften ansteckend sind.

Soziale Netzwerke und Beziehungen – eine Medizin für den Körper und die Seele?

In den letzten Jahren haben verschiedene Forschungsstudien herausgefunden, dass soziale Verbindungen einen großen Einfluss sowohl auf unser körperliches als auch auf unser mentales Wohlbefinden haben. Erschreckend ist jedoch, dass die negativen gesundheitlichen Folgen von Einsamkeit oder fehlenden unterstützenden sozialen Kontakten sogar vergleichbar mit den gesundheitlichen Risiken des Rauchens, des Bluthochdrucks, der Fettleibigkeit oder fehlender körperlicher Aktivität sind.

Gesundheitsrisiko Einsamkeit

Diese Befunde zeigen deutlich wie die Gemeinschaft dazu fähig ist uns zu stärken und welche Auswirkungen das soziale Miteinander auf unsere Gesundheit hat. Dieser Zusammenhang wurde erstmals in dem kleinen Dörfchen Roseto im US-Bundesstaat Pennsylvania entdeckt, dessen Bewohner 1882 als geschlossene Gemeinschaft von Italien in die USA gezogen waren.

Der Roseto-Effekt – Gemeinschaft hält uns fit

Damals führten die Dorfbewohner ein hartes Leben im Steinbruch bzw. in einer ansässigen Hemdenfabrik. Sie arbeiteten den ganzen Tag einzig und allein mit dem Ziel, genug Geld zu verdienen, damit sie Ihre Kinder später zum Studieren schicken können. Nach dem langen Arbeitstag verbrachten die Bewohner Rosetos den Abend meistens in Gemeinschaft, aßen zusammen und feierten gerne gemeinsam Feste. Fast alle Einwohner engagierten sich in Vereinen und hatten außerdem großes Vertrauen zueinander und wohnten oft als Multigenerations-Familien unter einem Dach. Zudem gab es in dem Dorf so gut wie keine Kriminalität und niemand war auf Sozialhilfe angewiesen.

Idyllisches Pennsylvania

Ende der 1950er Jahre entdeckte der Mediziner Steward Wolf von der Universität von Oklahoma, dass kaum einer der Bewohner Rosetos unter 65 Jahren an einer Herzerkrankung leidet. Dies erschien dem Arzt äußerst seltsam, da Herzleiden zu dieser Zeit die Volkskrankheit schlechthin war und damit auch die häufigste Todesursache. Wolf ging dieser Tatsache näher auf dem Grund und fand heraus, dass in dem Dörfchen Roseto kaum jemand unter 55 Jahren je an einem Herzinfarkt gestorben war oder Anzeichen einer Herzerkrankung aufwies. Bei Männern über 65 Jahren lag die Zahl der tödlichen Koronarerkrankungen um die Hälfte niedriger als im Rest des Landes. Sogar die Todesrate sämtlicher untersuchter Krankheiten war in Roseto bis zu 35 % niedriger als im amerikanischen Landesdurchschnitt.

Daraufhin arbeitete ein interdisziplinäres Team daran herauszufinden, weshalb dies so ist und kam schließlich zu der Schlussfolgerung, dass der Schutz gegen Krankheiten etwas sein musste, das nur Roseto hatte. Denn weder eine spezielle Diät, übermäßige Bewegung, besondere Gene, Wassernutzung oder medizinische Versorgung schienen mit diesen außergewöhnlichen Befunden in Zusammenhang zu stehen. Wolf fand schließlich des Rätsels Lösung: Die eng verbundene Gemeinschaft in dem Dorf hatte einen überaus starken Einfluss auf die Gesundheit der Bewohner.

Gemeinschaft als Schutzfaktor gegen Krankheit

Chronischer Stress als Risikofaktor

Forscher nehmen an, dass der dahinter liegende Wirkmechanismus das Ausmaß an Stess ist, dem ein Mensch ausgesetzt ist. Menschen, die das Gefühl haben, dass sie das Leben allein bewältigen müssen und sich einsam fühlen, entwickeln leichter Angstzustände.Vom Gehirn wird dies wiederum als Bedrohung wahrgenommen  und hat einen negativen Einfluss auf den ganzen Körper.

Lebt man jedoch in einem wenig wettbewerbsorientierten Umfeld, hat unterstützende soziale Beziehungen und ist somit nicht isoliert und muss sich nicht fürchten, die Dinge nicht mehr im Griff zu haben, ist man tendenziell nicht dauerhaft negativem Stress ausgesetzt und kann sich daher auch leichter entspannen. Diese Entspannung wirkt sich positiv auf den Körper aus, was Krankheiten vorbeugt und manchmal sogar zum Rückgang einer Krankheit führt.

Einsamkeit verursacht chronischen Stress. Ein Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen

Studien mit Brustkrebspatientinnen zeigen beispielsweise, wie wichtig die gegenseitige Unterstützung für die Gesundheit und den Umgang mit schwierigen Lebenslagen ist. Patientinnen, die sozial isoliert lebten, hatten eine höhere Sterbewahrscheinlichkeit als diejenigen, die Menschen in Ihrem Umfeld hatten, die sich um sie sorgten und kümmerten.

Der weitere Lebensverlauf der Bewohner in Roseto bestätigt die Stress-These. Denn Ende der 60er Jahren bemerkten die Forscher einige soziale soziale Veränderungen im Dorf und dass sich die spezielle Form des Zusammenlebens langsam auflöste. Die Dorfbewohner wurden individualistischer, materialistischer und auch der Familien- und Gemeinschaftszusammenhalt lockerte sich. Dies hatte zur Folge, dass nun auch in Roseto die Herzprobleme zunahmen. Innerhalb von ungefähr einem Jahrzehnt, sprich einer Generation, glichen sich die Statistiken der Herzkrankheiten des Dorfes allmählich dem Landesdurchschnitt an.

Was wir aus der Geschichte Rosetos lernen können

So beschaulich das Leben in Roseto damals auch war, in den Lebensstil einer Dorfgemeinschaft aus den 50er Jahren können und wollen viele Menschen heute nicht mehr zurückkehren. Die Befunde aus Roseto verdeutlichen uns aber welchen Stellenwert eine gesundheitsförderliche Quartiersentwicklung im Rahmen kommunaler Gesundheitsstrategien einzunehmen vermag. Denn nirgendswo sonst lassen sich Begegnungsstätten und Teilhabemöglichkeiten schaffen, die gerade diejenigen erreichen, die sich von der Gesellschaft isoliert fühlen und auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen sind. Beschützende und fördernde Freunde, Verwandte und Nachbarn können den Körper also mehr beeinflussen als das, was man isst, wie viel man trinkt oder wie viel Sport man treibt.

Sie wollen mehr über die Wissenschaft erfahren, wie Gemeinschaft zu einem "gutes Jahr mehr" führt?

Prof. Robert Waldinger im TED-Talk: What makes a good life? Lessons learned from the longest study on happiness
Marina Wenzl unterstützt als wissenschaftliche Hilfskraft am Mannheimer Institut für Public Health das kommunale Gesundheitsprojekt "Ein gutes Jahr mehr"
Verwendetes Bildmaterial © Pixabay

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