Welche Arbeit brauchen wir für ein gutes Leben?

Sichtweisen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern über Arbeitsbedingungen, die ein „gutes Jahr mehr“ ermöglichen

„Wie können uns Arbeitsbedingungen dabei unterstützen ein gutes Leben zu führen?“ Diese Frage stellten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der Universität Tübingen zahlreichen Arbeitnehmern und Arbeitgebern in unserer Pilotgemeinde Gaggenau.

Ein Beitrag von Lisa Frebel über die ersten Ergebnisse der Teilstudie.

Der Projekttitel „Ein gutes Lebensjahr mehr“ impliziert, dass bei einer Untersuchung die gesamte Lebensspanne eines Menschen in Betracht gezogen werden muss. So sollte einem guten Start in Kindheit und Jugend ein guter Einstieg in das Arbeitsleben folgen. Die Lebensqualität im Alter hängt wiederum stark von der Qualität des gesamten Arbeitslebens ab. Das Alter kann heutzutage den gleichen Zeitraum wie die Phase des Berufslebens einnehmen und die Gestaltung des sogenannten 3. Lebensalters wird immer wichtiger. Da die berufliche Tätigkeit eine zentrale Stelle in unserem Leben einnimmt, werden hier die Weichen für das Altern gestellt.

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Gut gestaltete Arbeitsplätze und Bedingungen können einen Beitrag zum Wohlbefinden der Beschäftigten leisten, was sich auf die Lebensqualität und Gesundheit positiv auswirkt. Andersherum können sich ungünstige Arbeitsbedingungen vor allem auf die körperliche und seelische Gesundheit der Erwerbstätigen auswirken und deren gesamtes Leben negativ beeinflussen.

Es stellt sich nun die Frage, wie Arbeit gestaltetet sein sollte, damit es nicht zu einem Verlust der Gesundheit und Lebensqualität kommt, um nicht nur bis zum Ende der Erwerbstätigkeit, sondern darüber hinaus gesund und gut im Rentenalter leben zu können.

Interviewte Arbeitnehmer aus Gaggenau halten vor allem für ihre psychische Gesundheit das Arbeitsklima im unmittelbaren Umfeld ihrer Arbeit für ausschlaggebend: So sollte eine gute Stimmung unter den Kollegen herrschen und der Chef sollte die Arbeit anerkennen und wertschätzen. Außerdem sei ein Freizeitausgleich von der Arbeit eines der besten Mittel seelisch und körperlich fit zu bleiben.

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Allerdings gehe das nur, wenn nicht ein enormer Freizeitstress herrsche, keine 24-Stunden-Erreichbarkeit Vorgabe sei und man nicht von der Arbeit z.B. im Schichtdient so ausgelaugt sei, dass man seine Freizeit ausschließlich zur Regeneration benötige. Kritisiert wird, dass es zu wenig gesundheitsbezogene Angebote gäbe und wenn es Angebote gibt, dann wären sie nicht für alle offen und nutzbar. Außerdem würden gesundheitsfördernde Maßnahmen oftmals erst umgesetzt, wenn es schon zu einem Schaden gekommen sei. So wurde mehrmals das Beispiel des höhenverstellbaren Schreibtisches genannt, den man in den meisten Fällen erst erhält, wenn man schon einen Bandscheibenvorfall hatte. Hier wünschen sich die Gaggenauer Arbeitnehmer mehr Präventionsmaßnahmen. Außerdem wünschen sie sich, dass die Arbeit einfacher und besser an den Lebensrhythmus anpassbar wäre: Flexiblere Arbeitszeiten, flexibleres Auf- bzw. Abstocken der Arbeitsstunden, bessere Bezahlung, damit z.B. Eltern wirklich frei entscheiden können, wann sie z.B. nach der Geburt eines Kindes wieder arbeiten gehen möchten.

Die interviewten Arbeitgeber in Gaggenau wünschen sich motivierte Mitarbeiter und möchten deren Gesundheit individuell fördern. Mit möglichst flexiblen Arbeitszeiten und einer guten Bezahlung wollen sie der Frage: „Welche Arbeit brauchen wir für ein gutes Leben?“ nachgehen.

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Ihnen fehlen allerdings konkrete Ideen und Anhaltspunkte um auch als kleines Unternehmen möglichst kostengünstig eine wirksame Gesundheitsförderung betreiben zu können. Doch in den Interviews kamen erste Ideen auf, die mit wenig finanziellem Aufwand durchführbar wären: Zweimal die Woche frische, saisonales Obst für die Mittagspause, individuelle Ernährungsberatung am Arbeitsplatz, einmal die Woche einen Trainer für 30 Minuten Rückenschule ohne Geräte, extra angepasste Sitze im Auto für Außendienstmitarbeiter, umweltfreundliche und ungiftige Arbeitsmaterialien und flexible Arbeitszeiten bzw. Gleitzeit. Außerdem sei vor allem eine gerechte Entlohnung ausschlaggebend für eine hohe Lebensqualität. Denn eine gute Bildung mit einer anschließenden guten Arbeit, bei der man Spaß hat und Befriedigung verspürt verlängert das Leben.

Der Projektteil zur Arbeit und zum Altern befindet sich noch in der Datenerhebungs- und Auswertungsphase. Wer noch mit diskutieren möchte, ist herzlich Willkommen sich zu melden unter: Lisa.frebel@medizin.uni-tuebingen.de

Lisa Frebel ist eine wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. Unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Hans.-Joerg Ehni führt Frau Frebel in einer Teilstudie des kommunalen Gesundheitsprojekts "Ein gutes Jahr mehr" qualitative Interviews und Fokusgruppen mit Arbeitnehmern und Arbeitgebern in Gaggenau zum Thema "Gelingendes Altern mit einem besonderen Fokus auf Arbeit und Arbeitswelt" durch.

Für weitere Informationen zur Tübinger Studie finden Sie hier.

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