Was bedeutet ein „gutes Jahr mehr“?

Sichtweisen der Medizinethik auf kommunale Gesundheitsförderung

Was bedeutet ein „gutes“ Jahr? Welche Rolle spielt dabei die Gesundheit? Soll „ein Jahr mehr“ für ein längeres Leben stehen oder für ein besseres bei einem gleich langem Leben? Und heißt „für jeden Bürger“, dass alle gleich berücksichtigt werden sollen oder gibt es Gruppen, die benachteiligt sind, und die deswegen besonders angesprochen werden sollen?

Das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin beleuchtet die ethische Sichtweise des Projekts „Ein gutes Jahr mehr“. Herr Prof. Ehni, der Leiter des Tübinger Teilprojekts, erklärt hier die Hintergründe der ethischen Fragestellungen und gibt einen Ausblick was die Gaggenauer Bürger in der Ethik-Bürgerwerkstatt am 06. Juni 2018 im Rathaus erwartet.

Der Medizin sind erstaunliche Fortschritte gelungen. Chirurgen ersetzen Gelenke wie Knie oder Hüfte und selbst lebenswichtige Organe wie Leber oder Nieren. Solche Operationen waren vor zwei oder drei Generationen noch kaum denkbar. Sie gehören jedoch heute zum ärztlichen Alltag. Während die medizinischen Möglichkeiten gewachsen sind, haben sich wesentliche Grundlagen der ärztlichen Ethik nicht geändert. Patienten, die sich solchen Eingriffen unterziehen, müssen auf das Können und die Moral ihrer Ärzte vertrauen können. Denn sie legen ihre Gesundheit und ihr Leben in die Hände der Mediziner, die sie behandeln. Medizin ohne dieses Vertrauen wäre daher unmöglich.

Beratungsgespräch zwischen Arzt und Patienten © Pixabay

Aus diesem Grund haben sich Ärzte bereits in der Antike selbst Regeln gegeben, wie sie sich im Umgang mit Patienten richtig verhalten sollen. Berühmt geworden ist der Hippokratische Eid. Dessen moderne Fassung, das Genfer Gelöbnis, verlangt, dass die Gesundheit des Patienten und nicht eigene Interessen für Ärzte an oberster Stelle stehen sollen. Ein weiterer bekannter Baustein des Vertrauens in Ärzte stellt das Schweigegelöbnis dar. Der Schutz von heiklen Informationen über den Gesundheitszustand eines Patienten ist heute so aktuell wie damals.

Gewandelt hat sich jedoch das Verhältnis zwischen Ärzten und Patienten: In der Vergangenheit entschieden Ärzten vor allem selbst, was sie für ihre Patienten und deren Gesundheit am besten hielten. Mittlerweile besitzt der Wille des Patienten Vorrang. Der Patient selbst bestimmt darüber, welche Behandlung in seinem Interesse ist. Die Selbstbestimmung des Patienten sei also zum maßgeblichen Grundwert geworden. Wertewandel im Arzt-Patienten-Verhältnis und ärztliches Berufsethos, das im Hippokratischen Eid oder im Genfer Gelöbnis ausgedrückt wird, sind zwei grundlegende Themen der Medizinethik. Dieses Feld vertritt das Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, im Projekt „Ein gutes Jahr mehr“.

Unser gesünderes und längeres Leben verdanken wir allerdings nicht nur dem medizinischen Fortschritt. Wesentlich dazu beigetragen haben ebenfalls eine verbesserte Hygiene, sauberes Trinkwasser, bessere Ernährung und Bildung. Maßnahmen, die solche Entwicklungen herbeiführen, gehören in den Bereich der „öffentlichen“ Gesundheitsvorsorge oder wie der englische Begriff lautet zu „public health“. Um die „öffentliche“ Gesundheit und wie sie gefördert werden kann, geht es auch in der Gaggenauer kommunalen Gesundheitsstrategie.

© Pixabay

Auch hier stellen die Gesundheit und das Wohlergehen entscheidende Werte dar. Allerdings wirken sich die Maßnahmen nicht nur auf einzelne Patienten aus, sondern gleichzeitig auf viele Menschen. Auch die ethischen Fragen sind hier andere als im medizinischen Alltag. Etwa wo die Grenzen der Selbstbestimmung liegen sollen, wenn es um das Allgemeinwohl geht. Die Diskussion um das Rauchverbot an öffentlichen Orten ist ein Beispiel dafür. Werde ein solches Verbot beschlossen, um die öffentliche Gesundheit zu verbessern, gelte es unabhängig davon, ob der Einzelne zustimmt oder nicht. Auch das ist anders als in der medizinischen Behandlung von Patienten. Das heißt nicht, dass die Selbstbestimmung keine Rolle spielt. Aber sie wird in anderer Form umgesetzt, beispielsweise dadurch, dass sich Bürgerinnen und Bürger an einer Diskussion über mögliche Maßnahmen und Ziele beteiligen.

Prof. Dr. Hans-Jörg Ehni ist promovierter Philosoph und stellvertretender Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin der Universität Tübingen. 

Seine gegenwärtigen Forschungsschwerpunkte stellen Ethik und Altern (insbes. Ethik neuer medizinischer Interventionen in den Alternsprozess) und Ethik der biomedizinischen Forschung am Menschen dar. Er arbeitet ausßerdem zur Ethik von Public Health Maßnahmen.

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