Das Quartier als unmittelbarer Sozialraum der Gesundheitsförderung

Ein Artikel von Maren Albrecht

Quartiere sind in aller Munde. Wie Pilze schießen sogenannte Zukunftsquartiere oder Innovationsquartiere aus dem Boden, um in Städten neuen Wohnraum zu schaffen und innovativen Startups die Gründung zu erleichtern. Doch was haben Quartiere mit Gesundheitsförderung und Lebensqualität zu tun?

Quartiersentwicklung geht weit über ambitionierte Bauvorhaben hinaus. In Quartieren wohnen und arbeiten Menschen nicht nur, sie leben zusammen und bringen sich in die Gemeinschaft ein. Sie bringen die Kinder in die drei Straßen weiter entfernte Kita, treffen sich zum Qigong im nahegelegenen Stadtpark, erledigen ihre Wocheneinkäufe auf dem Markt oder engagieren sich im Vereinsheim. Kurzum: Im Mikrokosmos des Quartiers lassen sich zahlreiche Wohn-, Lebens- und Arbeitsbedingungen finden, die sich belastend oder förderlich auf Gesundheit und Lebensqualität auswirken. Doch was kann man sich konkret unter gesundheitsförderlicher Quartiersentwicklung vorstellen?

Gesundheitsförderung im Quartier bedeutet die gesundheitlich belastenden Risikofaktoren im unmittelbaren Lebensumfeld zu senken und die bestehenden Gesundheitsressourcen auszubauen. Im klassischen Sinn werden darunter stadtplanerische Maßnahmen wie z.B. der Ausbau von Grünflächen oder Umbauarbeiten im Bereich der Barrierefreiheit verstanden.

Eine der wichtigsten Gesundheitsressourcen, die das Quartier zu bieten hat, stellt das soziale Miteinander dar. Gesundheitsförderliche Quartiersentwicklung zeichnet sich dadurch aus, Begegnungsstätten (z.B. Stadtteilcafés) und Teilhabemöglichkeiten (z.B. Bildungsangebote) zu schaffen, um den Zusammenhalt in der Gemeinschaft zu stärken. Gerade sozialschwache Familien oder ältere Menschen, die sich von der Gesellschaft sozial isoliert fühlen und auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen sind, profitieren vom Quartiersansatz am stärksten. Was ein gesundes und lebenswertes Quartier kennzeichnet, das entscheiden die Bewohnerinnen und Bewohner. Um Rücksicht auf die spezifische Bedarfslage im Quartier zu nehmen, aber auch um keine doppelten Strukturen aufzubauen, werden die Bewohnerinnen und Bewohner in die Quartiersentwicklung miteinbezogen und legen mitunter selbstbestimmt ihre eigenen Handlungsfelder und Ziele fest.

Für die Entwicklung einer kommunalen Gesundheitsstrategie, wie wir sie mit „Ein gutes Jahr mehr“ anstreben, greifen wir ebenfalls als Handlungsstrategie auf die Gesundheitsförderung im Quartier oder besser gesagt in den Stadtteilen zurück. Dazu muss man wissen, dass Gaggenau nicht immer so groß wie heute war. In den 70er Jahren wuchs die Stadt durch die Eingemeindung umliegender Ortschaften. Diese historisch gewachsenen Strukturen machen sich in den heutigen Stadtteilen nicht nur in Stadtbild, Demografie, Verkehrsanbindung oder Versorgungsstruktur bemerkbar, sondern auch im „Wir-Gefühl“ der Bewohnerinnen und Bewohner.

Je nach Stadtteil gestaltet sich der Bedarf nach Maßnahmen, die Gesundheit und Lebensqualität verbessern, ganz unterschiedlich. Junge Familien in der Kernstadt wünschen sich für ihren Stadtteil beispielsweise eine gute Verkehrsanbindung, um zur Arbeit pendeln zu können, viel Platz zum Spielen für die Kinder oder eine Leihoma in der Nachbarschaft, die am Nachmittag die Kinder hütet. Ältere Menschen in den entlegenen Stadtteilen wünschen sich hingegen eine gute Versorgungsstruktur mit Ärzten und Lebensmittelgeschäften im unmittelbaren Umfeld, um möglichst lange und selbstbestimmt in der gewohnten Umgebung wohnen bleiben zu können. „Ein gutes Jahr mehr“ regt daher in Quartierswerkstätten die Vernetzung verschiedener Gemeindemitglieder im Stadtteil an, um gemeinsam einen gesünderen und lebenswerteren Stadtteil zu gestalten.

 

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