Das „Early Development Instrument“

Ein Artikel von Sabine Georg

Eltern, Kinderärzte, pädagogische Fachkräfte wissen längst:

Die körperliche, kognitive und sozial-emotionale Entwicklung in der frühen Kindheit legt den Grundstein für die Gesundheit und das Wohlbefinden eines Menschen in seinem ganzen späteren Leben. Da ihre Entwicklung durch genetisch-biologische oder auch soziale und Umgebungsfaktoren beeinflusst wird, entwickeln sich Kinder in ihren ersten sechs Lebensjahren sehr unterschiedlich. Manche nehmen sich für gewisse Entwicklungsschritte etwas mehr Zeit als andere. Doch in welchen Fällen muss man tatsächlich von einer Entwicklungsgefährdung ausgehen?

Die frühkindliche Entwicklung

Neben den Eltern und Kinderärzten ist es auch Aufgabe des frühen Bildungssystems, möglichst früh zu erkennen, welche Kinder einen größeren Förder- und Unterstützungsbedarf haben, welche unauffällig und welche sogar hochbegabt sind oder in bestimmten Bereichen besondere Fähigkeiten haben.

Denn so können Therapien und Interventionen gezielt angewandt werden, um den Kindern zu helfen, sich im Hinblick auf ihre Gesundheit und ihre Schulfähigkeit möglichst gut zu entwickeln.

Entwicklungsdokumentation im Kindergarten

Der Kindergarten-Kontext, der von über 95% aller Drei- bis Sechsjährigen in Deutschland besucht wird, nimmt bezüglich der regelmäßigen Entwicklungsbeobachtung und -dokumentation einen zunehmend wichtigen Stellenwert ein. Der Einsatz eines wissenschaftlich fundierten, den Praktikabilitätsanforderungen im Kindergarten-Alltag und gleichzeitig statistischen Gütekriterien entsprechenden Instrumentes ist dabei äußerst wichtig.

Die Entwicklungsdokumentation im Kindergarten ist deutschlandweit jedoch sehr vielfältig. Die Bildungspläne der Länder weisen Kindergärten zwar die Aufgabe der Entwicklungsdokumentation zu, geben jedoch keine standardisierten Einschätz-Instrumente vor. Hinzu kommt, dass nur etwa 30% des pädagogischen Fachpersonals in Kindergärten eine Fortbildung zu diagnostischen Verfahren besucht hat. Dies erhöht das Risiko falscher Entwicklungseinstufungen – sowohl in die positive als auch in die negative Richtung – was dazu führt, dass pädagogisches Fachpersonal und Eltern sich an Scheinwerten orientieren, die Verunsicherung und Fehlbehandlung der Kinder nach sich ziehen (Kliche, Wittenborn and Koch, 2009).

Ausfüllen eines Entwicklungsberichts

Ein gutes Drittel aller Kindergärten in Deutschland verwendet selbst gestaltete Beobachtungsbögen, die teilweise nicht alle Entwicklungsbereiche abdecken oder keine ausreichend differenzierte Beobachtung ermöglichen. Zudem erfüllen diese Instrumente in den meisten Fällen nicht die wissenschaftlichen Standards, weshalb sie letztlich wenig aussagekräftig sind. Darüber hinaus sind einige Entwicklungsbeobachtungsfragebögen so umfangreich, dass sie zwar einen mehr als umfassenden Blick auf die gesamte kindliche Entwicklung ermöglichen, jedoch pädagogische Fachkräfte in ihrem ohnehin von Zeitmangel geprägten Arbeitsalltag sehr belasten.

Bei der Entwicklung einer kommunalen Gesundheitsstrategie, die auf wissenschaftlichen Erkenntnissen aufbaut, ist die Anwendung eines Fragebogeninstrumentes im frühen Bildungskontext, das wissenschaftlichen Gütekriterien entspricht, jedoch äußerst wichtig. Denn die damit erhobenen Daten dienen als Grundlage zur Identifizierung von Problemlagen und für zielorientiertes politisches Handeln – letztlich ermöglichen sie gesundes Aufwachsen in der Kindheit. Ein solches Instrument wurde vor einigen Jahren in Kanada entwickelt.

Das kanadische “Early Development Instrument” (EDI)

Der Fragebogen deckt alle relevanten Entwicklungsbereiche ab. Ausgefüllt werden soll er von ErzieherInnen, die die Kinder neben ihren Eltern mit am besten kennen.

Die fünf Entwicklungsdomänen des EDI

Das Mannheimer Institut für Public Health (MIPH) der Universität Heidelberg beschäftigt sich zurzeit mit der Übertragung dieses Fragebogens auf den deutschen Kontext. So sollen Entwicklungsstände von Kindergartenkindern in den wichtigsten Entwicklungsbereichen erfasst werden können. Das Anliegen der Wissenschaftler dabei ist es, ein Entwicklungsfragebogeninstrument nicht nur für politische und wissenschaftliche Zwecke zu entwickeln, sondern gleichzeitig eine hilfreiche Handreichung für pädagogische Fachkräfte bereitzustellen:

  • Die Ausfülldauer pro Kind liegt in einem annehmbaren zeitlichen Rahmen.
  • Der Fragebogen ist in elektronischer Form ausfüllbar.
  • Das Ergebnis verschafft pädagogischen Fachkräften einen schnellen Überblick über den Entwicklungsstand des Kindes.
  • Das Ergebnis dient ErziehrInnen als Grundlage für Entwicklungsgesprächen mit Eltern.
  • Bei Anwendung in regelmäßigen Abständen (z.B. jährlich) können auch Entwicklungsfortschritte über die Jahre hinweg dokumentiert werden.

Aus wissenschaftlicher Sicht könnte der Fragebogen gleichzeitig eine Ergänzung zu den ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen sein. So würde Eltern, pädagogischen Fachkräften und Kinderärzten eine umfassende Entwicklungsdokumentation zur Verfügung stehen – ein Unterstützungssystem, auf dessen Grundlage entwicklungsverzögerte Kinder frühzeitig entdeckt und optimal gefördert werden könnten.

Der aktuelle Stand in Gaggenau – Kindergartenleitungen als Hilfswissenschaftler

Im Sommer und Herbst 2017 wurde das Team des MIPH tatkräftig von den Gaggenauer Kindergärten unterstützt. Drei Gaggenauer Kindergärten, der evangelische Kindergarten in der Jahnstraße, der katholische Kindergarten St. Laurentius und der städtische Kindergarten Hörden nahmen an der ersten Erhebung mit der Deutschen Fassung des EDIs teil.

Darüber hinaus schlüpften alle Kindergarten-Leitungen in die Rolle von Hilfswissenschaftlern und teilten ihr Expertenwissen unter der Fragestellung: „Wie können wir das Instrument verbessern, damit es für Sie praktikabel ist?“ mit den MitarbeiterInnen des MIPH. Den Kindergarten-Leitungen sei an dieser Stelle ein herzlicher Dank ausgesprochen!

In diesen Gesprächen fanden wir heraus, dass das kanadische Early Development Instrument (EDI) ein geeignetes Instrument zur Entwicklungsbeobachtung für pädagogische Fachkräfte ist, dass der Fragebogen jedoch auch manche Fragen enthält, die verändert werden sollten oder entfernt werden können.

Auf der Grundlage dieser wichtigen Impulse wird das EDI zurzeit weiterentwickelt. Die optimierte Version des EDI soll im Mai 2018 in den städtischen Kindergärten Gaggenaus eingesetzt werden.

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