Alles dreht sich um den Ball

Das Konzept „Ballschule“ von Prof. Dr. Klaus Roth

Ein Artikel von Sabine Georg

Ein Ball ist rund, vielseitig einsetzbar und wer mit ihm hantiert, der kommt meist ins Schwitzen oder zumindest in Bewegung. Diese Erfahrung machen viele Kinder täglich und – auch wenn sie sich dessen nicht so ganz bewusst sind – es ist für ihre Gesundheit sehr gut. Doch es gibt auch viele Kinder, die sich aufgrund großen Bewegungsmangels weniger gesund entwickeln. Um daran etwas zu ändern, hat Prof. Klaus Roth vom Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Heidelberg die „Ballschule“ entwickelt.

Das Spiel mit dem Ball

Die Kugel bzw. der Ball gilt als Symbol für Vollständigkeit und Ganzheit, als Urform, die die Möglichkeit aller anderen Formen enthält. Das klingt nach grenzenloser Vielfalt, nach etwas, das den Facettenreichtum des Seins beinhaltet. Auch optisch fasziniert das Runde, Kantenlose, das durch seine Schlichtheit und Einfachheit alle Barrieren abbaut und geradezu reflexartig den Impuls des Spielerischen in uns weckt.

Wie gut haben sich Ballspiel-Erinnerungen aus unserer Kindheit in unser Gedächtnis eingeprägt! Noch heute erinnern wir uns an unsere Völkerball-, Fußball-, oder Kirschen-Gegessen-Erlebnisse und viele mehr, als wären sie gestern erst geschehen. Unsere Lippen formen sich dabei zwangsläufig zu einem Lächeln. Denn das Gefühl, das wir damals verspürten, während wir zusammen mit Gleichgesinnten über das Spielfeld rannten, oder während wir einfach im Kreis standen, und den Ball fingen (oder auch nicht), lässt uns heute noch Schmunzeln.

Kind im Bällebad © Pixabay

Doch waren wir uns damals bewusst, welch ganzheitliche Auswirkungen die spielerischen Bewegungen, und unsere kleineren und größeren Erfolge bei der Koordination der Bewegungsabläufe mit dem Ball auf unsere körperliche, soziale und emotionale Entwicklung hatten? Wohl müssen wir diese Frage mit „Nein“ beantworten.

Wir haben’s damals einfach gemacht, ganz unvoreingenommen, intrinsisch motiviert, weil wir dabei Spaß hatten!

Sollte das heute anders sein? Grundsätzlich ist ein Ball heute immer noch ein Ball. Und auch heute empfinden Kinder eine Affinität zu diesem faszinierenden Ding. Dennoch ist die heutige Kindheit vielerorts von Bewegungsarmut und einer Tendenz zur Übergewichtigkeit geprägt. Das setzt sich bis ins Erwachsenenalter hinein fort und verursacht neben Adipositas auch weitere Krankheitsbilder.

Was steht hinter dem Konzept „Ballschule“?

In Prof. Dr. Klaus Roths Konzept „Ballschule“ dreht sich alles um das Spiel mit dem Ball.

Das fünfstufige Programm richtet sich an Kinder vom Krippen-Alter (ab 1,5 Jahren) bis zu 11 Jahren. Angesiedelt im Kindergarten, richtet sich die Mini-Ballschule an Drei- bis Sechsjährige. Von dem Institut für Sport und Sportwissenschaften der Universität Heidelberg (ISSW) eigens dafür ausgebildete ErzieherInnen leiten die Kinder mehrmals in der Woche spielerisch und alltagsintegriert an. Es gelten Prinzipien wie „Probieren geht über Studieren!“ und „Spielen macht den Meister!“, aber auch „Kinder sind keine verkleinerten Erwachsenen!“ und „Kinder sind Allrounder und keine Spezialisten!“. Damit ist klar, dass jeder mitmachen kann. Unabhängig von Alter, Sprache oder Herkunft wird das Spiel mit dem Ball zum integrierenden Element.

Das Team des ISSW um Prof. Roth entwickelte verschiedenste Spielmöglichkeiten und -regeln, die auf sport- und entwicklungspsychologischen Erkenntnissen beruhen, und in denen der Ball äußerst vielseitig zum Einsatz kommt. Dabei wird eine ganzheitliche Förderung der kindlichen Entwicklung in den Bereichen Motorik, Kognition, Soziale Kompetenz angestrebt, die sich automatisch auch auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Kinder auswirkt.

Kinderspielfest der Ballschule

Bis heute sind seit 1998 rund 350.000 Kinder mit der „Ballschule“ in Berührung gekommen. Die Ergebnisse verschiedener begleitender, wissenschaftlicher Forschungsprojekte zeigen, dass insbesondere entwicklungsverzögerte Kinder davon am meisten profitieren.

Niederschwelliges Weiterbildungskonzept

Damit die Ballschule nachhaltig in die Strukturen der Kindergärten integriert werden kann, bietet das ISSW eine eintägige Weiterbildungsveranstaltung an, bei dem das pädagogische Fachpersonal in der Durchführung verschiedener Ballspiele geschult wird und gleichzeitig mehr über die damit verbundenen sportpsychologischen Konzepte erfährt. Um den ErzieherInnen mehr Sicherheit und Routine in der Anwendung der Ballspiele zu ermöglichen, hospitieren die AusbilderInnen des ISSW im Anschluss in den Kindergärten. Am Ende des Kindergartenjahres sind Spiel und Spaß mit dem Ball ein fester Bestandteil des Kindergartenalltags und in einigen Jahren werden auch diese Kinder Ballspiel-Erinnerungen gesammelt haben; Erinnerungen an eine spielerische Zeit, deren facettenreiche Auswirkungen sie jetzt noch nicht begreifen, weil sie nicht darüber nachdenken, sondern einfach Spaß haben.

Erfahren Sie mehr über die Ballschule im Campus-Report der Universitäten Heidelberg, Mannheim, Karlsruhe und Freiburg:

Prof. Roth: Bewegungsmangel so früh wie möglich entgegenwirken

Prof. Roth & Tönshoff: Die Ballschule Heidelberg bringt Kinder in Bewegung

        

*Insofern nicht anders gekennzeichnet, wurden alle verwendeten Bilder dieses Artikels mit freundlicher Genehmigung von Prof. Dr. Klaus Roth zur Verfügung gestellt.

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