Zweite Runde für die Quartierswerkstatt “Gesund aufwachsen in Gaggenau”

Ein Resümee der zweiten Quartierswerkstatt in Gaggenau, 03.03.2018

Ein Artikel von Maren Albrecht

Quartierswerkstätte sind ein effizientes Mittel, um Bürgerinnen und Bürger an der Entwicklung von kommunalen Gesundheitsstrategien zu beteiligen. Um die Gaggenauer Gesundheitsstrategie für die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen weiterzuentwickeln, lud „Ein gutes Jahr mehr“ am 03. März erneut Vertreterinnen und Vertreter von Kindergärten, Schule, Vereinen, Kommunalpolitik und Elternverbänden ins Rathaus ein.

Ein bewölkter Samstagvormittag in Gaggenau. Während auf dem gepflasterten Vorplatz der Hauptstraße die ersten Stände des Wochenmarkts aufgebaut werden, strömen zahlreiche Bürgerinnen und Bürger in das dahinterliegende Rathaus. Das kommunale Gesundheitsprojekt „Ein gutes Jahr mehr“ hat verschiedene Akteure aus der Wissenschaft und der Gemeinde zu einer Quartierswerkstatt eingeladen, um die Weichenstellung für eine gesunde kindliche Entwicklung in der Stadt Gaggenau zu diskutieren. Aber Moment mal, handelt es sich hier um ein Déjà-vu?

Bereits im vergangenen November erörterten Vertreter und Vertreterinnen von Kindergärten, Schule, Vereinen, Kommunalpolitik und Elternverbänden welche Maßnahmen in der Gemeinde verstärkt gefördert werden müsste, um Kindern weiterhin ein gesundes Aufwachsen in Gaggenau zu ermöglichen. Der wahrgenommene Unterstützungsbedarf rund um das Thema Gesundheit wurde ausreichend diskutiert, nun geht es darum „die PS auf die Straße zu bringen“. Aufbauend auf den Ergebnissen der Quartierswerkstatt im November 2017 fanden sich daher erneut engagierte Bürgerinnen und Bürger zusammen, um in der kommunalen Gesundheitsstrategie für die Lebenswelt der Kinder die dringlichsten Handlungsfelder zu priorisieren und praktikable Lösungen zu entwickeln.

Was es aus unterschiedlichen Fachgebieten hierfür zu berücksichtigen gibt, beleuchteten Herr Maisch (Augenoptikmeister Maisch Optik), Herr Rheinschmidt (Rektor Eichelberg-Grundschule), Herr Stahlberger (Sportausschuss) und Herr Prof. Fischer (Institutsleiter vom Mannheimer Institut für Public Health und Kinderarzt) in einer Podiumsdiskussion.

Expertenrunde mit Herrn Rheinschmidt (Rektor Eichelberg-Grundschule), Herrn Maisch (Augenoptikmeister Maisch Optik) und Herrn Stahlberger (Sportausschuss).

Raumknappheit bei den Sportvereinen

Dass dringender Handlungsbedarf im Bereich der Sportförderung besteht, machte Herr Stahlberger vom Sportausschuss deutlich. Mit 15.000 angemeldeten Mitgliedern (z.T. auch Doppelmitgliedschaften) ist Gaggenau eine sehr sportliche Gemeinde. Doch ein weiteres Mitgliederwachstum wird aufgrund der bereits ausgelasteten Hallen schwierig werden. Herr Stahlberger macht sich daher für eine unkomplizierte und flexible Lösung stark: „Es muss nicht die neugebaute Halle sein, um der Raumknappheit entgegenzukommen. Aber vielleicht gibt es in der Gemeinde ja ungenutzte Räumlichkeiten, die man anmieten kann? Z.B. einen Raum für 10 bis 15 Personen, in dem vormittags das Kinderturnen oder der Seniorensport stattfinden kann?“

Sensibilisierung für Entwicklungsstörungen über institutionelle Wege

Herr Maisch weiß aus seiner langjährigen Tätigkeit als Augenoptikmeister wie wichtig es ist, bei der Früherkennung von Entwicklungsauffälligkeiten nicht nur die Eltern zu sensibilisieren, sondern auch so früh wie möglich die Kindergärten und Schulen miteinzubeziehen, um Präventionsketten zu erzeugen. Schon seit Jahren führt er daher im Auftrag der Krankenkasse Sehtests in den Gaggenauer Grundschulen durch und stößt immer wieder auf Sehschwierigkeiten bei Kindern, die eine Reihe von weiteren Entwicklungsstörungen (z.B. in der räumlichen Wahrnehmung oder Augen-Hand-Koordination) auslösen können. Da es die Erzieherinnen sind, die entsprechende Auffälligkeiten beim Kind am frühsten bemerken, gilt es sie – unter Berücksichtigung ihrer zeitlichen und personellen Ressourcen – in die Aufklärungsarbeit miteinzubeziehen.

Auch Herr Prof. Fischer tritt als Kinderarzt und Public Health Experte dafür ein, den Weg über die Einrichtungen zu wählen. Gerade bei sozial benachteiligten Familien reicht eine gesundheitliche Aufklärung der Eltern allein nicht aus. Wenn Mittel und Ressourcen dafür fehlen, um dem Kind z.B. eine Mitgliedschaft im Sportverein zu ermöglichen, dann ist es umso wichtiger, dass Kindergärten und Schulen dem Förderbedarf ein Angebot entgegensetzen können. Die Turnvereine haben hier bereits im Rahmen des Bundesfreiwilligendiensts gute Erfahrungen mit den sogenannten „Bufdis“ gemacht. Ein solches Konzept wäre auch zur Unterstützung und Entlastung des pädagogischen Personals denkbar, um z.B. zusätzliche Bewegungsangebote anbieten zu können.

Fördermöglichkeiten in bestehende Strukturen integrieren

„Die beste Zeit, um dafür etwas zu tun, ist jetzt!“, findet der Rektor Herr Rheinschmidt von der Eichelberg-Grundschule. Um den Bedarf für Gesundheitsförderung im Kindesalter aufzuzeigen und messbar zu machen, nahmen die Viertklässler seiner Grundschule im Rahmen des Projekts „Ein gutes Jahr mehr“ an einer Fokusgruppe teil und halfen als „Hilfswissenschaftler“ das Middle Years Development Instrument (MDI) weiterzuentwickeln. Ist ein entsprechender Förderbedarf erstmal ausgemacht, würde der Bildungsplan hier durchaus Gestaltungsspielraum zu lassen, so Herr Rheinschmidt. Statt der verordneten zusätzlichen Deutschstunde ließe sich die Unterrichtseinheit auch für andere Förderangebote nutzen, die einer gesunden kindlichen Entwicklung zugutekommen.

Seien es Anknüpfungspunkte im aktuellen Bildungsplan für Gesundheitsförderung und Prävention im Schulunterricht oder die Umgestaltung brachliegender Areale und ungenutzter Räumlichkeiten zur Erweiterung des Sportangebots –die Gaggenauer haben viele Ideen, wie sich die Lebenswelt der Kinder und Jugendlichen noch gesünder gestalten lässt. In einem World Café wurden diese Ideen im Anschluss von den eingeladenen Gästen weiter vertieft.

Für welche Lösungen sich die Gemeinde entscheidet und welche Projekte und Ideen im Gemeinderat letztendlich vorgetragen werden könnten, liegt in der Hand der Bürger. Als Wissenschaftler unterstützen wir die Gemeinde dabei Ansätze zu finden, die nicht nur wirksam sind, sondern sich auch unkompliziert in die bereits bestehenden Strukturen in Gaggenau integrieren lassen.

 

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