Wissenschaft zum Anfassen

Viertklässler der Eichelberg-Grundschule betätigen sich als Hilfswissenschaftler in der Gaggenauer Gesundheitsstrategie

Ein Artikel von Maren Albrecht und Sabine Georg

Neben Lesen, Rechnen und Schreiben lernen, passieren von der Grundschule bis zu den Orientierungsstufen in den weiterführenden Schulen eine Menge Dinge, welche die spätere Entwicklung und den Erfolg im Erwachsenenleben beeinflussen. In Kanada setzen Wissenschaftler daher das Middle Years Development Instrument (kurz MDI) ein. Der Fragebogen beleuchtet aus der Perspektive der Kinder, wie es um deren körperliche Gesundheit und Wohlbefinden innerhalb und außerhalb der Schule bestellt ist. Nun soll der Fragebogen erstmals auch in deutschen Schulen eingesetzt werden. Doch kann das kanadische Instrument so einfach auf den deutschen Schulkontext übertragen werden? Das wollen wir von den Viertklässlern der Eichelberg-Grundschule in Gaggenau wissen.

Die erste Stunde beginnt in der Eichelberg-Grundschule schon um 07:50 Uhr. Neugierig und aufgeregt strömen die Kinder der 4a und 4b in ihre Klassenzimmer. Das Gerücht hat die Runde gemacht, dass heute kein normaler Unterricht stattfinden soll, sondern Wissenschaftler aus dem Mannheimer Institut für Public Health zu Besuch sind. Doch was führt die Wissenschaftler so früh am Morgen in die Grundschule?

© Pixabay

Im Rahmen der kommunalen Gesundheitsstrategie “Ein gutes Jahr mehr” untersucht das wissenschaftliche Projektteam den Gesundheitszustand und das Wohlbefinden der Gaggenauer Bevölkerung in allen Lebensphasen. Vom Neugeborenen bis zum Senior – so lautet die Maxime – alle Bürgerinnen und Bürger sollen in die Gesundheitsstrategie integriert werden. Für die Lebenswelt der Kinder wurden schon einige Gespräche mit Schulleitungen, Elternbeiräten und Vereinsvorständen geführt, um zu überlegen, was Kinder in Gaggenau brauchen, um gesund aufwachsen zu können. Nur was sagen die Kinder selbst dazu? Wie geht es Kindern in Gaggenau? Welche Wünsche, welche Sorgen haben sie?

MDI – ein kanadischer Fragebogen macht Schule in Deutschland

An der University of British Columbia beschäftigt sich das Forschungsteam um Prof. Martin Guhn schon seit geraumer Zeit mit der körperlichen und seelischen Gesundheit sowie kognitiven und sozio-emotionalen Entwicklung von Kindern im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Dazu füllen alle Viert- und Siebtklässler im Bezirk British Columbia jedes Schuljahr einen Fragebogen, das Middle Years Development Instrument (MDI), aus. Der Fragebogen umfasst vielfältige Themen, die für Kinder in diesem Lebensabschnitt von besonderer Bedeutung sind. Zum Beispiel, ob die Kinder das Gefühl haben mit dem Schulstoff mithalten zu können, welchen Aktivitäten sie nach Schulschluss nachgehen oder ob sie sich in der Schule, zu Hause oder im Freundeskreis wohl und geborgen fühlen. Das Besondere an dem kanadischen Instrument ist, dass dadurch ein ganzheitliches Verständnis über die kindliche Entwicklung gewonnen werden kann. Schulen und Kommunen bekommen eine Einschätzung über die Stärken, Bedürfnisse und Wünsche von Kindern in ihren Nachbarschaften und Schulbezirken. Diese Informationen dienen dem Ziel, gute Entscheidungen darüber zu treffen, wie vorhandene Ressourcen (wie z.B. Programme oder Strukturen in Einrichtungen oder einrichtungsübergreifend) genutzt und gezielten Maßnahmen zur Gesundheitsförderung getroffen werden können. Auf dieser Basis können Schulen und Gemeinden sich Ziele für die Zukunft setzen und beobachten, wie es den Kindern im Laufe der Zeit geht. Letztlich soll das Wohlbefinden der Kinder gestärkt werden.

Auswertung der verschiedenen Entwicklungsdomänen im MDI

In Deutschland gibt es ein solches Instrument wie den MDI bislang noch nicht. Dies will das Mannheimer Institut für Public Health in Zusammenarbeit mit der Ruhr-Universität Bochum ändern. Der MDI wurde daher von unserer Forschergruppe ins Deutsche übersetzt. Doch wie kommt die Umsetzung des Projekts bei den Schülerinnen und Schülern an? Versteht ein neunjähriges Kind einer deutschen Grundschule überhaupt die bei der Übersetzung gewählte deutsche Formulierung?

Auf Herz und Nieren geprüft: Der MDI im Faktencheck unser Hilfswissenschaftler

Als Erwachsene fällt es schwer zu beurteilen, ob die von uns entwickelten Fragen im MDI in ihrer derzeitigen Form von Kindern immer verstanden und beantworten werden können. Schließlich ist es schon eine ganze Weile her, dass wir selbst die Schulbank gedrückt haben. Die Viertklässler der Eichelberg-Grundschule haben sich daher bereit erklärt uns als Hilfswissenschaftler mit ihrem Expertenwissen zu unterstützen.

Die Urkunde für die herausragende Leistung unserer Hilfswissenschaftler darf am Ende natürlich nicht fehlen

Und schon geht es los. Jedes Kind erhält einen Fragebogen und kreuzt die Fragen an, die ihm nicht verständlich erscheinen oder die es nicht beantworten kann. Danach werden die Befunde der Hilfswissenschaftler im Klassenverband diskutiert. Wir Wissenschaftler protokollieren fleißig mit und sind an vielen Stellen erstaunt darüber, wie differenziert sich die Kinder zum Teil mit den Fragen schon auseinandersetzen, und zum Teil auch darüber, wie “veraltet” unsere Sprache manchmal zu sein scheint (wie z.B. bei der Frage: “Ich habe jemanden geholfen, der gehänselt wurde.”).

Die Diskussion mit unseren Hilfswissenschaftlern geht wie im Flug vorbei und am Ende der Schulstunde strotzt unser Testfragebogen voller roter Markierungen und Verbesserungsvorschlägen.

„Oje, ist unsere Version des MDI bei den Viertklässlern etwa durchgefallen?“, fragen wir besorgt.

“Nein, nein!”, beschwichtigen uns die Schüler der 4a und 4b zum Abschluss. „Es hat Spaß gemacht den Fragebogen zu bewerten!“

Und so soll es in einem partizipativen Forschungsansatz wie bei unserem Projekt von „Ein gutes Jahr mehr“ auch sein. Ein Messinstrument, das Schülerinnen und Schülern eine Stimme gibt, kann nur funktionieren, wenn die Kinder sich in diesen Fragen auch wiederfinden. In diesem Sinne geht es für unsere Hilfswissenschaftler in die große Pause und wir setzen uns in unserem Institut an unsere Hausaufgaben.

 

Wir danken den Schülerinnen und Schülern der Klasse 4a und 4b sowie den Klassenlehrerinnen Frau Schulteis und Frau Wagner herzlich für Ihre Mitarbeit an unserem Forschungsprojekt. Unser Dank gilt auch dem Schuldirektor Herrn Rheinschmidt, der es uns ermöglichte eine Fokusgruppe zu seiner Schule durchzuführen.

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